Rentenlücke für Selbstständige: So rechnest du ohne gesetzliche Rente deinen Bedarf im Alter aus
Ohne Arbeitgeber, ohne Pflichtbeiträge: Selbstständige müssen ihre Altersvorsorge komplett selbst bauen – und die Krankenversicherung im Alter gleich mit. In drei Beispielen (Freiberuflerin, Handwerksmeister, IT-Beraterin) rechnen wir die Lücke, das nötige Kapital und die Sparrate aus.

Angestellte bekommen jedes Jahr eine Renteninformation. Selbstständige bekommen – nichts. Keinen Brief, keine Hochrechnung, keinen Arbeitgeber, der die Hälfte zahlt. Rund drei Millionen Selbstständige in Deutschland sind in keinem Pflichtsystem versichert, und viele von ihnen haben keine konkrete Zahl für ihr Alter. Dabei ist die Rechnung für Selbstständige in einem Punkt sogar einfacher: Es gibt keine komplizierte Rentenformel. Was du im Alter nicht selbst aufgebaut hast, ist schlicht nicht da. Dieser Beitrag zeigt, wie du deinen Bedarf ehrlich beziffern kannst, welche Posten Selbstständige fast immer vergessen, und was das in Kapital und Sparrate bedeutet – mit drei typischen Beispielen.
Warum die Rechnung für Selbstständige anders läuft
Drei Dinge unterscheiden dich von Angestellten und Beamt:innen:
- Kein Brutto, kein Netto-Faustwert. Dein Einkommen schwankt, und „Netto“ heißt bei dir: nach Einkommensteuer, nach Krankenversicherung, nach Rücklagen fürs Geschäft. Deshalb fragt der Rentenlücken-Rechner Selbstständige direkt nach dem Netto, das dir heute privat zur Verfügung steht.
- Krankenversicherung läuft weiter – aus deiner Tasche. Angestellte zahlen im Alter den halben Beitrag aus der Rente. Du zahlst als freiwillig gesetzlich oder privat Versicherte:r den vollen Beitrag selbst. Das sind heute 400 bis 900 € im Monat – und der Posten kommt auf dein Wunsch-Einkommen obendrauf.
- Alte Rentenpunkte zählen – aber nur, wenn die Wartezeit erfüllt ist. Warst du früher angestellt, hast du Entgeltpunkte. Ausgezahlt werden sie nur mit mindestens 60 Beitragsmonaten.
Die Formel in fünf Schritten
Schritt 1: Dein Netto heute
Was bleibt dir privat nach Steuern, Krankenversicherung und Geschäftsrücklagen pro Monat? Nimm den Durchschnitt der letzten drei Jahre, nicht das beste Jahr.
Schritt 2: Wunsch-Einkommen im Alter
Typisch sind 80 % des heutigen Nettos. Selbstständige planen oft etwas höher, weil Arbeit und Privatleben enger verflochten sind und manche Kosten (Auto, Büro, Reisen) heute über die Firma laufen und später privat anfallen.
Schritt 3: Krankenversicherung addieren
Als freiwillig Versicherte:r in der GKV zahlst du im Alter rund 20 % auf alle Einkünfte – Rente, Mieten, Kapitalerträge, Entnahmen aus Lebensversicherungen –, mindestens aber den Mindestbeitrag von rund 250 € im Monat. Privat Versicherte zahlen ihren Tarif weiter, mit dem Alter steigend. Rechne deinen heutigen Beitrag in heutiger Kaufkraft fest ein.
Schritt 4: Zugesagte Renten abziehen
Was ist sicher da? Gesetzliche Rente aus Angestelltenjahren (Renteninformation), Rürup- oder Riester-Verträge (Standmitteilung), Betriebsrente aus früheren Jobs, Versorgungswerk bei Freiberuflern. Achtung: Standmitteilungen nennen nominale Beträge zum Rentenbeginn – in 20 Jahren sind 900 € bei 2 % Inflation nur noch rund 600 € heutige Kaufkraft wert. Und sie sind brutto: Rürup-Renten werden fast voll versteuert.
Schritt 5: Lücke, Kapital, Sparrate
Wunsch-Einkommen + Krankenversicherung − zugesagte Renten = Lücke pro Monat. Um sie dauerhaft aus Vermögen zu decken, brauchst du bei einer Entnahme von 3,5 % im Jahr das 343-Fache der Monatslücke als Kapital (Lücke × 12 ÷ 0,035). Daraus ergibt sich die Sparrate bis zum Ruhestand.
Beispiel 1: Lena, 38, Grafikdesignerin
Lena ist seit zwölf Jahren freiberuflich, hat 3.200 € privates Netto im Monat und zahlt 480 € in die freiwillige GKV. Vor der Selbstständigkeit war sie sechs Jahre angestellt – ihre letzte Renteninformation nennt 5,4 Entgeltpunkte. Sie möchte mit 67 aufhören, das sind 29 Jahre.
| Wunsch-Netto im Alter | 80 % von 3.200 € | 2.560 € |
| + Krankenversicherung | heutiger Beitrag | 480 € |
| = Bedarf im Alter | 3.040 € | |
| Gesetzliche Rente aus 6 Jahren | 5,4 Punkte × 42,52 € → netto, heutige Kaufkraft | 230 € → 158 € |
| Lücke pro Monat | 3.040 € − 158 € | 2.882 € |
| Nötiges Kapital mit 67 | 2.882 € × 12 ÷ 3,5 % | 988.102 € |
| Sparrate bei 3 % Realrendite | 29 Jahre | 1.784 € / Monat |
| Sparrate bei 5 % Realrendite | 29 Jahre | 1.267 € / Monat |
Fast eine Million Euro Kapital – das ist die ehrliche Zahl, wenn Lena ihren Lebensstandard komplett aus Erspartem bestreiten will. Die Sparrate von 1.267 € bis 1.784 € im Monat ist für viele Freiberufler:innen nicht realistisch. Genau deshalb kombinieren Selbstständige fast immer mehrere Bausteine: Sparplan, Rürup für die Steuer, und eine vermietete Immobilie, bei der ein Großteil des Kapitals von der Bank kommt und vom Mieter getilgt wird.
Beispiel 2: Tobias, 45, Handwerksmeister
Tobias führt einen Malerbetrieb. Als Handwerksmeister war er 18 Jahre in der gesetzlichen Rente pflichtversichert und hat insgesamt 20 Jahre Beiträge auf den Regelbeitrag gezahlt (rund ein Entgeltpunkt pro Jahr). Jetzt könnte er sich befreien lassen. Netto privat: 3.800 €, GKV-Beitrag 650 €.
| Beiträge stoppen | Freiwillig weiterzahlen bis 67 | |
|---|---|---|
| Entgeltpunkte mit 67 | 20 | 42 |
| Rente brutto | 850 € | 1.786 € |
| Rente netto, heutige Kaufkraft | 623 € | 1.308 € |
| Bedarf (80 % von 3.800 € + 650 € KV) | 3.690 € | 3.690 € |
| Lücke pro Monat | 3.067 € | 2.382 € |
| Nötiges Kapital mit 67 | 1.051.618 € | 816.741 € |
Der Regelbeitrag kostet Tobias rund 805 € im Monat (18,6 % vom Durchschnittsentgelt). Dafür sinkt sein Kapitalbedarf um rund 234.877 €. Die gesetzliche Rente ist für Selbstständige damit nicht der Gegner, sondern ein günstiger Baustein: lebenslang, inflationsangepasst, mit Erwerbsminderungsschutz und Hinterbliebenenrente. Was sie nicht ist: ausreichend. Selbst mit 42 Punkten bleiben über 2.382 € im Monat offen.
Beispiel 3: Miriam, 52, IT-Beraterin mit Rürup
Miriam verdient gut (4.500 € privates Netto), ist privat versichert (700 € Beitrag) und zahlt seit zwölf Jahren 1.000 € monatlich in einen Rürup-Vertrag. Die Standmitteilung stellt ab 67 rund 900 € Monatsrente in Aussicht. In der gesetzlichen Rente hat sie nur drei Jahre aus einem Nebenjob im Studium.
| Bedarf im Alter | 80 % von 4.500 € + 700 € PKV | 4.300 € |
| Rürup-Rente laut Standmitteilung | nominal ab 67 | 900 € |
| … in heutiger Kaufkraft | ÷ 1,0215 | 669 € |
| … nach Steuer (ca. 20 %) | Rürup ist steuerpflichtig | 535 € |
| Gesetzliche Rente aus 3 Jahren | 36 Monate < 60 Monate Wartezeit | 0 € |
| Lücke pro Monat | 4.300 € − 535 € | 3.765 € |
| Nötiges Kapital mit 67 | 3.765 € × 12 ÷ 3,5 % | 1.290.867 € |
| Sparrate bei 3 % Realrendite | 15 Jahre | 5.687 € / Monat |
Drei Erkenntnisse aus Miriams Fall: Erstens schrumpft die Standmitteilung von 900 € auf 535 € netto in heutiger Kaufkraft – fast die Hälfte. Zweitens verfallen ihre 2,1 Entgeltpunkte aus dem Nebenjob, weil die fünfjährige Wartezeit nicht erfüllt ist – sie könnte sie mit 24 Monaten freiwilliger Mindestbeiträge (rund 100 € im Monat) retten und bekäme dann rund 90 € Rente lebenslang. Drittens ist bei 15 Jahren Restlaufzeit eine reine Sparlösung mit 5.687 € im Monat kaum zu stemmen. Für Miriam ist eine vermietete Immobilie mit hohem Fremdkapitalanteil naheliegend: Ihr hoher Grenzsteuersatz macht Abschreibung und Zinsen besonders wertvoll, und die Nettomiete ersetzt im Alter einen Teil der Entnahme.
Sonderfälle, die Selbstständige kennen müssen
Die 60-Monats-Wartezeit
Unter fünf Jahren Beitragszeit gibt es gar keine gesetzliche Rente – die Punkte verfallen nicht sofort, sind aber wertlos, bis die Wartezeit erfüllt ist. Mit freiwilligen Beiträgen (Mindestbeitrag rund 100 € im Monat) kannst du sie auffüllen. Das lohnt sich fast immer, weil jeder gesammelte Punkt dann ausgezahlt wird.
Pflichtversicherte Selbstständige
Nicht alle Selbstständigen sind frei: Handwerker:innen mit eintragungspflichtigem Gewerbe (18 Jahre Pflicht), Lehrer:innen und Erzieher:innen, Pflegekräfte, Hebammen, Künstler:innen und Publizist:innen (über die Künstlersozialkasse, mit Arbeitgeberanteil!), Seelotsen und Selbstständige mit nur einem Auftraggeber zahlen Pflichtbeiträge. Wer das nicht weiß, riskiert Nachforderungen für vier Jahre rückwirkend.
Versorgungswerke
Ärzt:innen, Anwält:innen, Architekt:innen, Steuerberater:innen und andere Kammerberufe zahlen ins berufsständische Versorgungswerk. Die Leistungen sind oft besser als in der gesetzlichen Rente, aber die Hochrechnung steht nur in der jährlichen Mitteilung des Werks – und auch sie ist brutto und nominal.
Rürup: Steuer heute, Steuer später
Beiträge zur Basisrente sind 2026 zu 100 % als Sonderausgaben absetzbar, bis rund 30.000 € im Jahr (Ehepaare das Doppelte). Dafür ist die spätere Rente steuerpflichtig – bei Rentenbeginn ab 2040 zu 100 %. Rürup lohnt sich bei hohem Steuersatz heute und niedrigerem im Alter; Kapital bleibt aber gebunden, Vererben ist nur eingeschränkt möglich.
Krankenversicherung im Alter: GKV oder PKV?
Freiwillig GKV-Versicherte zahlen im Alter Beiträge auf Rente, Mieteinnahmen, Kapitalerträge und Versicherungsauszahlungen – rund 20 %. Eine Mieteinnahme von 1.000 € kostet also 200 € Krankenkasse. Wer die „9/10-Regel“ erfüllt (in der zweiten Hälfte des Erwerbslebens zu 90 % gesetzlich versichert) kommt in die günstigere Krankenversicherung der Rentner und zahlt nur auf Rente und Versorgungsbezüge. Privat Versicherte zahlen den Tarif, der im Alter weiter steigt – Altersrückstellungen und Standardtarif helfen, aber plane 600 bis 1.000 € ein.
Vermögen in der Firma
Viele Selbstständige planen mit dem Verkauf des Betriebs. Realistisch ist das nur bei übertragbaren Strukturen (Mitarbeitende, Kundenstamm, Verträge). Einzelunternehmen mit dir als Hauptleistung sind ohne dich wenig wert. Rechne den Verkauf nicht fest ein – wenn er klappt, ist er ein Bonus.
Schwankendes Einkommen
Spare prozentual, nicht fix: zum Beispiel 20 % jedes Honorars sofort auf ein Vorsorgekonto, in guten Jahren mehr. Eine feste Sparrate, die im schlechten Jahr ausgesetzt wird, kostet über 30 Jahre oft ein Drittel des Endvermögens.
Was die Krankenversicherung mit der Lücke macht
Bei 3,5 % Entnahme entsprechen 480 € Monatsbeitrag rund 165.000 € zusätzlichem Kapitalbedarf, 700 € rund 240.000 €. Wer die Krankenversicherung in seiner Planung weglässt, unterschätzt die Lücke also um einen sechsstelligen Betrag.
Deine Lücke als Selbstständige:r – in zwei Minuten
Der kostenlose Rentenlücken-Rechner hat einen eigenen Modus für Selbstständige: Netto heute, Krankenversicherungsbeitrag, alte Rentenpunkte und Standmitteilungen eintragen – du siehst Lücke, nötiges Kapital und Sparrate in heutiger Kaufkraft. Mit Immobilien-Szenario inklusive Finanzierung und Steuervorteil.
Jetzt Rentenlücke berechnen →Warum Selbstständige so oft bei Immobilien landen
Die Zahlen oben zeigen das Problem: Wer den Lebensstandard allein aus Erspartem decken will, braucht sechs- bis siebenstellige Beträge. Eine vermietete Wohnung löst das anders: Die Bank stellt 80 bis 100 % des Kaufpreises, der Mieter zahlt über 20 bis 25 Jahre den Kredit, und du bringst Eigenkapital für die Nebenkosten plus einen monatlichen Zuschuss. In den ersten Jahren mindern Abschreibung und Zinsen dein zu versteuerndes Einkommen – bei 42 % Grenzsteuersatz erstattet das Finanzamt 42 Cent je Euro steuerlichem Verlust. Im Alter läuft die Nettomiete als zweite Rente, inflationsgeschützt durch Mietanpassungen. Zwei Wohnungen mit je 350 € Nettomiete (heutige Kaufkraft) schließen bei Lena schon ein Viertel der Lücke – ohne dass sie dafür Kapital aus dem Sparplan entnehmen muss.
Das ist kein Selbstläufer: Mietausfall, Instandhaltung und die Krankenkassenbeiträge auf Mieteinnahmen (bei freiwillig GKV-Versicherten) gehören in die Rechnung. Deshalb gilt auch hier: erst rechnen, dann entscheiden.
Steuervorteil einer vermieteten Immobilie berechnen
Lineare AfA, degressive AfA oder Sonder-AfA §7b – der Steuervorteil-Rechner zeigt dir für dein Objekt (oder eines unserer Projekte) Jahr für Jahr Steuerersparnis, Cashflow nach Steuern, Eigenkapitalrendite und Vermögen bei Rentenbeginn. Kostenlos, ohne Anmeldung.
Steuervorteil berechnen →Häufige Fragen
Ich habe nie in die gesetzliche Rente eingezahlt. Kann ich freiwillig einsteigen?
Ja, jede:r ab 16 mit Wohnsitz in Deutschland kann freiwillige Beiträge zahlen – zwischen rund 100 und 1.500 € im Monat, frei wählbar und jederzeit änderbar. Jeder Beitrag von rund 9.700 € im Jahr bringt einen Entgeltpunkt, also 42,52 € Monatsrente lebenslang. Das ist aktuell ein vergleichsweise guter Deal, vor allem wegen der Inflationsanpassung.
Wie viel Prozent meines Einkommens sollte ich sparen?
Angestellte zahlen mit Arbeitgeber 18,6 % in die Rente – und haben trotzdem eine Lücke. Als Selbstständige:r ohne Pflichtsystem solltest du mindestens diese 18,6 % für die Altersvorsorge ansetzen, besser 20 bis 25 %, je später du anfängst, desto mehr.
Zählt mein Ehepartner mit?
Ja – Haushaltsrechnung. Ist dein:e Partner:in angestellt oder verbeamtet, deckt dessen Rente einen Teil des gemeinsamen Bedarfs. Der Rentenlücken-Rechner hat dafür einen Paar-Modus. Denk an den Fall, dass eine:r allein zurückbleibt: Hinterbliebenenrente gibt es nur aus der gesetzlichen Rente, nicht aus deinem Sparplan.
Was ist mit der geplanten Altersvorsorgepflicht für Selbstständige?
Eine Pflicht zur Altersvorsorge für Selbstständige wird seit Jahren diskutiert, zuletzt mit Wahlfreiheit zwischen gesetzlicher Rente und anderen Produkten. Beschlossen ist bis heute nichts Konkretes. Wer jetzt eigenständig vorsorgt, ist in jedem Szenario auf der sicheren Seite.
Hinweis: Alle Zahlen sind vereinfachte Modellrechnungen mit den Annahmen des Rentenlücken-Rechners (Stand 2026: Rentenwert 42,52 €, Durchschnittsentgelt 51.944 €, Inflation 2 %, Rentenanpassung 1,1 % pro Jahr). Sie ersetzen keine Renten-, Steuer- oder Anlageberatung. Deine Renteninformation, Versorgungsauskunft bzw. Standmitteilungen sind immer die bessere Grundlage – trage ihre Werte im Rechner ein.
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